Kontaktmaßnahmen zum Vorurteilsabbau können in vielfältiger Weise gestaltet sein und unterschiedliche Bezugspunkte haben. Für die Konzeption und Beschreibung der Maßnahmen ist jedoch eine Zuordnung zu einzelnen Kategorien hilfreich. So lassen sich im Wesentlichen vier Formen solcher Maßnahmen im Hinblick auf den Bezugsrahmen unterscheiden (Subjekt, Gruppe, Netzwerk, Gemeinwesen). Dies schließt keineswegs aus, dass Kontaktmaßnahmen nicht auch mehreren Kategorien zugeordnet werden können.

Subjektbezogene Kontaktmaßnahmen

Kontaktmaßnahmen für Begegnungen zwischen einzelnen Personen aus unterschiedlichen Gruppen (Subjektbezug).

Beispiel: Tandemprojekte

Im Sinne einer sozialen Praxis handelt es sich bei einem „Tandem“ um eine auf wechselseitige Lernprozesse ausgerichtete Kooperation zwischen zwei Personen. Dementsprechend zielen Tandemprojekte auf die Förderung solcher Lernprozesse. Mit dem gegenseitigen Austausch muss beiden teilnehmenden Personen ein konkreter Nutzen entstehen. Es handelt sich um die Schaffung von Win-Win-Situationen. Hierbei müssen durch die Maßnahme konkrete Anreize für diejenigen geschaffen werden, sich an dem Tandem zu beteiligen, die zunächst einen höheren Beitrag erbringen. Diese Kontaktmaßnahmen sind darauf gerichtet, dass sie von allen Beteiligten (z. B. Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern und Gemeinwesenarbeitende) in verbindlicher Weise über einen längeren Zeitraum umgesetzt werden und sich insbesondere hinsichtlich der kulturellen Unterschiede auf Betreuung und Aufklärung stützen können.

Ansatzpunkte für Tandemprojekte können Lernkooperationen zwischen zwei etwa gleichaltrigen Schüler*innen aus dem Stadtteil mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen darstellen.

Gruppenbezogene Kontaktmaßnahmen

Kontaktmaßnahmen für Begegnungen von unterschiedlichen Gruppen (Gruppenbezug).

Beispiel: Gemeinschaftsveranstaltungen

Die persönliche Begegnung zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen ist eine grundlegende Voraussetzung für den erfolgversprechenden Vorurteilsabbau. Denn hierbei können gemeinsame Interessen entdeckt werden oder an der Umsetzung solcher Interessen gemeinsam gearbeitet werden. Trotz bestehender Unterschiede zwischen Gruppen oder Einzelpersonen kann sich dadurch eine verbindende Gemeinschaftlichkeit einstellen, dies sich nicht über Abgrenzung nach Außen definiert oder stabilisiert.

Gemeinschaftsveranstaltungen zielen auf die Herstellung vorurteilsabbauender Begegnungen, durch geselligkeitsbezogene Aktivitäten wie Spielen, Musizieren, Musik hören, Filme schauen, Ausflüge unternehmen, gemeinsam feiern, kochen oder speisen. Ansatzpunkte für solche Kontaktmaßnahmen können Stadtteilfeste, Straßenfeste oder Spielenachmittage bieten.

Netzwerkbezogene Kontaktmaßnahmen

Kontaktmaßnahmen für Vernetzungen im Stadtteil zwischen unterschiedlichen Gruppen oder Institutionen (Netzwerkbezug).

Beispiel: Praxisforschung

Die Durchführung von Untersuchungen, die sich an der praxisorientierten Sozialforschung bzw. der Handlungs- oder Aktionsforschung orientieren, gehört zum Standardrepertoire der Gemeinwesenarbeit. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Menschen den Alltag im Rahmen ihrer sozialen Bezüge bewältigen. Dies schließt auch ein, wie sie mit ihrem sozialen Umfeld interagieren, sich in Beziehung zu anderen setzen oder mit Diversität und Konflikten umgehen. Der Forschungsvorgang ist dabei als partizipativer Prozess konzipiert und als Teil einer Aktivierungsstrategie, auf die Verbesserung der gegenwärtigen Situation und somit auf einen unmittelbaren und konkreten Nutzen für alle Beteiligten ausgerichtet.

Solche Aktivitäten dienen zum einen dazu, Erkenntnisse über die Lebenssituationen, Bedarfslagen und Wahrnehmungen von unterschiedlichen Gruppen von Bewohnerinnen und Bewohnern zu erhalten und diese jenseits akut konflikthafte Situationen zu thematisieren. Auf dieser Grundlage können die Angebote von Stadteileinrichtungen bzw. der Gemeinwesenarbeit bedarfsgerechter gestaltet, aber auch wichtige Informationen für die kommunale Sozial- und Stadtentwicklungsplanung gesammelt werden.

Zum anderen dient solche Verfahren der Ermutigung, der Aktivierung und Unterstützung der unterschiedlichen Bewohner*innen im Hinblick auf die kooperative Bearbeitung gemeinsamer Stadtteilthemen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, sich trotz unterschiedlicher Lebensführungsweisen und Ansprüche über gemeinsame Themen zu verständigen und die örtlichen Verhältnisse mitzugestalten. Zugleich werden Kontakte über kultur-, religion-, oder statushomogene Netzwerke hinaus ermöglicht.

Anknüpfungspunkte für diese Form von Kontaktmaßnahmen bieten aktivierende Befragungen oder Doorknocking mit anschließenden Beteiligungs- und Mitbestimmungsangeboten.

Gemeinwesenbezogene Kontaktmaßnahmen

Kontaktmaßnahmen für Kooperationen zwischen unterschiedlichen Gruppen oder Einzelpersonen mit Bezug auf soziale, räumliche und insbesondere politische Aspekte des gemeinsamen Zusammenlebens (Gemeinwesenbezug).

Beispiel: Raumtransformationen

Der Zustand und die Anmutung der unmittelbaren Wohnumgebung oder zentraler Orte des Stadtteils kann sich benachteiligend auf die der Bewohner*innen auswirken. Zugleich stellt dies aber auch eine Thematik dar, die den Ausgangspunkt für Kontaktmaßnahmen bieten kann. Dementsprechend richtet sich eine Form von Maßnahmen auf eine gemeinsame Gestaltung des öffentlichen Raumes, damit dieser unterschiedlichen Nutzungsinteressen gerecht wird. Die konkrete Arbeit an verschiedenen Aspekten im öffentlichen Raum bietet Anreize für den Aufbau vom Kooperationen von Menschen mit unterschiedli­chen sozialen und kulturellen Hintergründen. Etwa durch Veranstaltungen, Kunstaktionen oder Umgestaltungen soll das Erscheinungsbild dieser Orte nach innen wie nach außen so beeinflusst werden, dass Stigmatisierungen und Ausgrenzungseffekten entgegengewirkt werden kann. Daran anknüpfende Veranstaltungsangebote bieten zudem die Möglichkeit des Austausches über gemeinsame Interessen in den Quartieren und die Gestaltung des Gemeinwesens. Indem kooperative Lösungen erarbeitet oder (kommunale) Ressourcen eingefordert werden, die zur Erleichterung des gemeinsamen Lebens im Stadtteil beitragen, finden auf ungezwungene Weise Begegnungen statt, die vorurteilsabbauend wirken können.

Anknüpfungspunkte können Graffiti-Projekte, Gardening-Projekte oder Skulpturenprojekte sein.

Check-Liste

  • Welcher Kategorie lässt sich Ihr Projekt / Vorhaben am ehesten zuordnen?

    • Subjektbezogene Kontaktmaßnahmen.

    • Gruppenbezogene Kontaktmaßnahmen

    • Netzwerkbezogene Kontaktmaßnahmen

    • Gemeinwesenbezogene Kontaktmaßnahmen